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GALERIE PETRA LANGE

Rolf-Dietrich-Schmidt-Stiftung

Ruth Schmidt Hilbert | Mein Freund und mein Mann

Er war ein besonderer Mensch, ein Einzelner, ernst und verhalten, zuweilen auch humorvoll. Hochgewachsen und von athletischer Gestalt erschien er wie ein Mann, der Halt gibt. Aber er war sensibel und leicht verletzlich. Freunde hatte er nur wenige, denen er sich anvertraute, er suchte den gleichgesinnten und verständnisvollen Menschen. Als wir Freunde wurden, öffnete er Herz und Sinn, und der ganze Reichtum seiner Gedankenwelt, der Höhen und Tiefen, die er durchwanderte, kam zutage. Er gab mir Impulse, er öffnete mir die Augen für das Echte und wahrhaft Schöne. Er führte uns auf dem Weg der Kunst in eine höhere Dimension des Lebens und er riß mich mit in die Tiefe der Verzweiflung. In seinen "Briefen an Ruth" isr er zu erkennen.

Heiter und zufrieden war er, wenn ihm ein Bild gelungen war, oder aber von schwerer Depression, die aus dem Zweifel erwuchs, ein wahrer Künstler zu sein. Er fühlte Verantwortung. Verantwortung seinem Meister Schmidt-Rottluff gegenüber, Verantwortung als Pädagoge, als Architekt und den Seinen gegenüber. Er nahm nichts leicht. Er lebte, um zu arbeiten, nicht um gut zu leben, und seine Arbeit war die Kunst, das Malen und Bilden. Ihm lag nur daran, mit seinen Werken seine Auffassung auszudrücken, zu zeigen: Das bin ich, das wollte ich, das war das Ziel. Fremd war alles, was seiner Arbeit und seiner Existenz nicht nützte. Er wollte als freier Künstler schaffen, nicht im bürgerlichen Erwerbsleben, im Angestelltendasein verkümmern. Das aber brachte der Brotberuf mit sich. "Der Künstler muß über den Dingen stehen." Er versuchte beide Berufe als Maler und Architekt nebeneinander gewissenhaft auszuüben, wobei für die freie Malerei, die seine Berufung war, oft nur Zeit an den Wochenenden und in den Nächten blieb. Oft war er deprimiert und unglücklich und sehnte sich nach Frieden.


Horst Schmidt | Mein Bruder

In der Hinterlassenschaft meiner Eltern stieß ich jetzt wieder auf die frühen Malerarbeiten und Kinderzeichnungen meines Bruders. Ich kannte sie noch alle; aber nach den vielen Jahren, gar Jahrzehnten sieht man diese mit völlig anderen Augen. Seine Kinderbilder zeigen ganz deutlich einen Ausdruck, die einen Kunstmaler schon ahnen lassen, die etwas Besonderes verraten, es sind Bilder, die einen beeindrucken, nicht die man weglegt und einfach vergisst, die hat ja ein Kind gemalt. Auch die sind es wert besehen zu werden. Im nachhinein erkennt man die kleinen Funken in den Kinderarbeiten, die sich zusammenschlossen und zu einem Feuer entfachten. Ich sehe in meinem Geiste heute noch, wie mein Bruder auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand mit einem großen Zeichenblock in der Hand und mit endloser Geduld unser Haus gemalt hat: jedes Fenster, Balkons, Regengossen, Vorgarten mit bunten Blumen und Zaun und alles mit kräftigen Farben.


Heinz Röthinger | Bekenntnis zu Rolf D. Schmidt

Nur so viel ist richtig: Rolf Dietrich Schmidt ist überzeugter und wenn man sich näher auf ihn einläßt überzeugender Vertreter der Moderne. Genauer: Deren Pionieren, ihren Ansätzen und Erkenntnissen, fühlte er sich verpflichtet. Jene waren über die Abstraktion bis zur gegenstandslosen Malerei und Plastik vorgestoßen. An ihnen maß er seine Arbeit. Er benannte das eigene Schaffen "Konkrete Malerei". Seine Geheimnisse liegen offenkundig nicht im Literarischen, in Legende und Erzählstoff, nicht im Bilderrätsel. Sie liegen ausschließlich im elementar Malerischen.


Dr. Petra Lange | Rolf D. Schmidt
Die Konsequenz eines künstlerischen Lebens

Die Ambivalenz zwischen den erwerbsimmanenten Tätigkeiten und den freien kreativen Prozessen führt Rolf D. Schmidt zu stetem Zweifel, der ihn von der singulären Positionierung seiner Lebenshaltung gar zum einsamkeitsnahen Befinden führt, und der ihn zuweilen malträtiert. Die innere Unruhe lenkend, ihn aufrichtend, nahezu berauschend erlebt, steht dagegen sein Eintauchen in die Sphäre künstlerischen Seins. Dies ist sein Elixier, den eigenen Anspruch herauszufordern, ihn zu artikulieren, ihm mit gestaltgebender Kraft Ausdruck zu verleihen. In der Nähe zu den ihn am meisten verstehenden, sehr wenigen Menschen vor allem in seiner Ruhe findet er die ihn auffangende Energie emotionaler Verbundenheit und den dialogischen Austausch seiner oft schwermütigen, selbstbetrachtenden Gedanken, vor allem aber die gebenden Gespräche über sein eigentliches Wollen, über seine kunsttheoretischen wie ganzheitlichen Ansichten.

Von Anfang bis Mitte der sechziger Jahre währte der Prozeß der Entdeckung, aus einer Trinität der Grundfarben Rot warm, Blau kalt, Gelb neutral, die Gewichtigkeiten zueinander festzustellen und sie zu einem Klang zusammenzuführen. Größe und Richtung der Pinselstriche waren variabel, sie richteten sich danach, die Farben in einer Zugehörigkeit auf die Leinwand zu setzen. Bemerkenswert ist, daß Rolf D. Schmidt erst nach Kenntnis, nach dem Bewusstmachen dieser Zugehörigkeiten, die Komposition entwarf ein "Planbild" war das Ergebnis. Der Farbklang hatte als Vorstellung seine ideelle Existenz und traf nun das weiße Format der Bildfläche. Rolf D. Schmidt wusste, daß das Prinzip des Wechselspiels der Intensitäten nicht neu war längst gab es die reduzierten, reinen Farbflächen in Gleichgewicht und Harmonie von Piet Mondrian er hatte es aber für sich selbst finden müssen. Nicht ohne zähes Suchen war das Auffinden der entsprechenden Formen, die den Farben Halt geben sollten. Bisher fanden sie wie in einem Tanz zueinander, als sich bewegende 'Pünktchen', die auf der Leinwand, aller Spannungen enthoben, zu schweben scheinen. Es begann ein Herantasten an Flächen, jedoch blieben sie weitestgehend offen. Sie begrenzen sich zwar einander wie im Bild "Dreiecksformen" (1965) jedoch ohne starke Kontur.

Von 1965 bis 1972, in der zweiten Schaffensperiode, erhielten unter Hinzunahme geometrischer Formen, die in ihrer Funktion wertneu- tral waren, die Farben eine Gerichtetheit, eine formale Zuordnung. Das Quadrat als Bildformat öffnete den Weg zur Entwicklung der Farbformen. Das Rot entspricht einer weichen, runden Form dem Kreis, und ist dynamisch. Das Blau wirkt statisch und erhielt die eckige, kantige Form, das Quadrat. Das Gelb jedoch bleibt rätselhaft. Die malerische Virtuosität des Rolf D. Schmidt dokumentiert die Vielzahl der in dieser Phase entstandenen Werke, die nun selbst als Quadrate, ein lebendig wirkendes Konvolut einander durchdringender, überlagernder oder sich nebeneinander akzeptierender Farbflächen darstellen, oder auch vitale rasterartige Farbordnungen enthalten.

Im Zeitraum bis 1978 gibt es die Versuche, die Farbformen von dem Bildträger zu lösen, sie im Raum agieren zu lassen. Harte und weiche Formen gar als plastisches Ensemble in Beziehung zu setzen. Es sind die Reliefs, die von der Körperlichkeit der Farben zeugen. Ein neuer Rhythmus der Farbwerte zueinander ward möglich, raumgreifend wird die jeweilige Form. Das Rot wird die Kugel, das Blau der Würfel. Und das Gelb ist das Licht das den Innenraum erhellt, wie im "Geschnittenen Würfel" von 1978. In der Gleichzeitigkeit von Innen- und Außenraum fungieren ab jenem Jahr bis 1985 die farbigen, geometrischen Körper als skulpturale Erhebung der Farben, die ihre Eigenheiten stets bewahren. Mittels feinlinearer Metallstäbe werden sie im Außenraum fixiert und bilden so ein andersfarbiges Pendant. Durch Plexiglaswände werden die Farbkörper scheinbar voneinander entfernt. Nahezu Unendlichkeit des sie umgebenden Lichtraumes, des sichtbaren Dreiklangs, vermitteln bei einigen "Raumbildern" die als doppelte Unterseite vorhandenen Spiegel.

Es ist nicht nur eine naheliegende, gedankliche Schlussfolgerung, daß sich den skulpturalen Werken die Dimension des installativen Raumes anschliessen müsste. Rolf D. Schmidt hat diese erkannt und sie noch als Modell materialisiert. Was der realen Erfahrung dieses sicher eindringlichen Werkes vorenthalten bleibt, eröffnet seine bis ins Jetzt weisende künstlerische Haltung.

"Ich möchte Malerei und Plastik und Architektur deckungsgleich machen und zudem noch die Musik in Form von Bewegung hinzunehmen. Auf diese Weise müsste man zum Absoluten kommen, das große Künstler schon immer anstrebten."